Dezember 10, 2015 - Kommentare deaktiviert für Runter mit der Fassade

Runter mit der Fassade

Feste wie Weihnachten bieten sich als wunderbare Plattformen an, um die Gabe des Heucheln zu pflegen. Wenn die Verwandtschaft zum Fest der Liebe zusammenkommt, sollte eigentlich Freude herrschen. Wenn dem so ist: wunderschön!

Es gibt aber auch genügend Gründe warum es schwierig sein kann, sich auf Kommando zu freuen. Wie so oft passiert es, dass aus geteilter Freude ein Wettbewerb entsteht. Der Bruder, muss allen mitteilen, was er in diesem Jahr wieder geleistet hat um die Karriereleiter hochzuklettern. Die Cousine: «Unser Kevin ist jetzt ja auch schon im Kindergarten, und es hat sich gezeigt, dass er überdurchnittlich begabt ist im Umgang mit Bauklötzen. Jetzt erhält er speziellen Förderunterricht dafür.» Möglichkeiten zur Angeberei gibt es zur Genüge: Das neue Haus, das neue Auto oder die Bilder der exotischen Feriendestinationen, die man bereist hat. Wer nicht mithalten kann, der wird bemitleidet, auch wenn natürlich nur hinter vorgehaltener Hand. À propos Mitleid: Damit kann natürlich auch wunderbar angegeben werden: Der Chef behandelt einem unfair, die Ärzte sind nicht fähig, die Lehrer der Kinder nicht in der Lage das Talent der Kleinen zu erkennen oder die Mitstudenten nutzen die Gutmütigkeit aus.

Am liebsten würden wir uns von solchen Veranstaltungen fern halten. Das Gesicht des vom Erfolg verwöhnten Bruders wollen wir nicht sehen, das Gejammer von Tante Emma lässt uns die Augen verdrehen so lange wir sie nur hören aber nicht sehen. Wenn wir  ihr dann gegenüberstehen, setzen wir ein Lächeln auf und fragen wie’s denn mit dem lädierten Schienbein gehe. Bei diesem Schauspiel mitmachen wollen wir eigentlich nicht, aber aussteigen ist auch keine Option. Und dann spielen wir halt mal wieder eine Runde mit. Auch wenn wir wissen, dass  wir uns danach wieder schwören werden, bei diesem Zirkus nicht mehr mitzuturnen.

Niemand will ein Heuchler sein. Schon gar kein Lügner. Um dem zu entgehen sagen wir oft: «Hauptsache, ich bin ehrlich», oder «Ich bin wenigstens ehrlich.» Authentizität heisst das Zauberwort. Wichtig sei, dass wir zu dem stehen was wir denken und fühlen. Soweit die Theorie. Aber sofort melden sich Einwände am Horizont:

Wir sind nicht immer ehrlich. Scheinbar ist das nicht die Hauptsache, sonst würden wir uns nicht so oft verstecken. Zuzugeben, dass wir im vergangenen Jahr die erhoffte Wende in der Ehe nicht geschafft haben, würde unser Ansehen beeinträchtigen. Einzugestehen, dass die Diagnose des Arztes zutreffend ist, und man selber in der Verantwortung ist, ist schwieriger als die Schuld einfach abzuschieben. Den Mut aufzubringen der Tante Emma zu bitten, ob sie doch bitte mal für zehn Minuten schweigen könnte, damit man auch mal zu Wort kommt, endet mit höherer Wahrscheinlichkeit in drei Jahren Ärger als zehn Minuten Frieden. Ehrlichkeit hat einen Preis. Und wie oft sind wir nicht bereit diesen zu bezahlen?

Ein weiterer Einwand: Unter dem Deckmantel der Hauptsache Ehrlichkeit können wir über alle und alles rauslassen. «Wenigstens bin ich ehrlich … auch wenn ich damit andere verletze.» Wir können die Ehrlichkeit genauso zu unserem Wohl benutzen wie die Heuchelei, damit wir am Ende gut dastehen!

Geht es uns wirklich um die Ehrlichkeit wenn wir sagen: «Ich bin wenigstens ehrlich», oder geht es uns nicht viel mehr um unsere Ehre? Ist ist es nicht ein verzweifelter Versuch uns selber doch noch etwas Gutes abzuringen wenn wir sonst nichts auf die Reihe gekriegt haben? «Wenn ich sonst schon nichts schaffe, so bin ich wenigstens kein Heuchler.»

Zu sagen: «Ich bin wenigstens ehrlich», zeigt dass wir immer noch unter dem Regime des Leistungsdrucks und der Geltungsnot funktionieren. Wir müssen uns und andern immer noch etwas beweisen und suchen damit unsere eigene Ehre. Und damit bauen wir uns mit dem Vorwand der Ehrlichkeit eine neue Fassade auf.

Aber ehrlich zu sein ist ja nicht falsch. Nein es ist sogar gut. Aber Ehrlichkeit ist dann fehl am Platz, wenn wir sie nur als Vorwand benutzen um unsere Ehre zu suchen. Sie ist dann fehl geleitet, wenn wir mit ihr andere verletzen. Echte Ehrlichkeit folgt echter Freiheit. Heuchelei entsteht immer aus einer Bindung an falsches Leistungsdenken oder an Geltungsdruck. Ehrlich und gelassen können wir sein, wenn unsere Beziehungen geklärt sind. Freiheit und Ehrlichkeit kommt, wenn wir uns selber akzeptieren können. Dann müssen wir weder unsere Stärken, noch unsere Schwächen, noch die Leistung oder das Versagen anderer als Mittel dazu missbrauchen, selber gut, oder wenigstens besser als die andern, dazustehen. Dann sind wir frei, unsere Meinung zu sagen. Dann sind wir frei, uns mit den Erfolgreichen zu freuen. Dann sind wir frei, die Angeber zu ignorieren. Dann sind wir frei, zu unseren Niederlagen zu stehen und wir können frei von falschem stolz von unseren Siegen berichten. Wer frei ist, kann und darf ehrlich sein Wenn Ehrlichkeit wirklich Hauptsache ist, sind wir bereit, einen Weg zu finden, gleichzeitig ehrlich und liebevoll mit andern zu umzugehen.

Wenn Ehrlichkeit wirklich Hauptsache ist, müssen wir nicht noch extra betonen, dass wir ehrlich sind, sondern wir sind es einfach.

 

Veröffentlicht im Cube Nr. 4

Veröffentlicht von: Beat in Beats Gedankensplitter

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